Anne Carnein

Die nächste Kunst- und Künstlergeschichte ist einer Frau gewidmet, die der Objektkunst des 21. Jahrhunderts ein vollkommen neues Gesicht verleiht, gemeint ist Anne Carnein.

„Ich modelliere, ich nähe nicht“, ist der erste Satz meiner Mitschriebe, die entstanden sind, als ich die Bildhauerin Anne Carnein an einem nasskalten Februartag 2020 in ihrem wunderbaren Allgäuer Atelier (einem alten Schulhaus) besuchte. Anlass unseres Treffens (inklusive leckerem Frühstück!) war die Vorbereitung eines Künstlergesprächs, das wir beide kurz darauf auf der Art Karlsruhe miteinander führten. Anne Carneins Kunst – einzelne an die Wand gepinnte Blüten und Schoten – wirkt auf den ersten Blick sehr still und poetisch, aber wer die Künstlerin kennt, begreift schnell, dass hinter diesen Arbeiten ein Mensch steckt, der sehr offenherzig und aufgeschlossen ist. Anne Carnein macht aus ihrem Beruf weder ein Geheimnis noch bedient sie irgendwelche anachronistischen oder elitären „Künstler-Klischees“. Sie sucht vielmehr das konstruktive Gespräch und sie engagiert sich immer in der Sache. Auch ihre Mitgliedschaft im Rotary-Club nutzt sie für ihr soziales Engagement und fürs persönliche Netzwerken. So wundert es auch nicht, dass die einst bekennende Europäerin Anne Carnein plötzlich ihre große Liebe zu den USA entdeckt hat. Angefangen hatte alles mit ihrer Teilnahme als Artist in Residence des Künstleraustauschprogramms Salem2Salem, einer Initiative des Kulturamts des Bodenseekreises und seines amerikanischen Partners Salem Art Works. Inzwischen leuchten Annes Augen, wenn sie von Ihren Arbeitswochen in den USA und von ihren neuen und inspirierenden Kontakten spricht. Anne Carnein liebt es inzwischen, über den Tellerrand hinauszuschauen und sie nutzt selbstbewusst und souverän die Gunst der Chancen(vielfalt).

Dies ist umso erfreulicher, wenn man weiß, dass der Bildhauerin der Weg zu Kunst keineswegs in die Wiege gelegt wurde, denn aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern inmitten einer Patchwork-Familie.  Nach dem Schulabschluss führte ihr Weg auch nicht gleich an die Akademie, sondern Anne Carnein schloss zunächst eine Graphikdesign-Lehre ab. Aber dann ging alles ganz schnell …, sie wollte Bildhauerin werden, bekam den Studienplatz an der Staatlichen Akademie in Karlsruhe, wurde Meisterschülerin bei Stephan Balkenhol und arbeitete auch als dessen Assistentin.

Anne Carnein hatte entsprechend keine Berührungs- oder Versagensängste, sondern große Lust und den nötigen Mut für ein Leben als freie Künstlerin. Kaum hatte sie die Akademie verlassen, folgten schon erste Einladungen, so z.B. 2015 ins Kunstmuseum Ravensburg zur Ausstellung „Ich bin eine Pflanze“. Die damalige Museumsdirektorin Dr. Nicole Fritz lobte Carneins bildhauerische Leistung und beschrieb ihr Werk als „poetische Kleinplastik“.

Zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen liefern inzwischen den Beweis, dass Carneins Kunst mitnichten beiläufig wahrgenommen wird, sondern ihre Pflanzen-Objekte ziehen viele in den Bann. Ein bisschen Carnein geht allerdings nicht, denn wer diese innovative Formen- und Motivsprache verstehen will, muss sich – mehr oder weniger kompromisslos – darauf einlassen, und das ist auch gut so!

Wie kam der Stoff ins Werk der Künstlerin, diese Frage interessiert natürlich.

Wer Bildhauerei studiere, so Anne Carnein, habe eine Atelier-Situation mit viel Dreck, Krach, lauter Musik und großen Formaten. Vor allem die Mehrzahl der männlichen Studierenden tobe sich in den Bildhauer-Ateliers ordentlich aus. Also wurde der Platz für die damaligen Papierarbeiten der Kunststudentin Anne Carnein immer enger bzw. es fehlte ihr die Ruhe zum Arbeiten. Da sie ohnehin eine Nachtarbeiterin sei, wurde das Karlsruher WG-Zimmer zunehmend zum Experimentierfeld.

„Ich modelliere Material, und da bin ich einfach an meine Kleidung gegangen“, erzählte Anne Carnein zu den Anfängen ihrer Arbeit mit Stoff. Bis heute gehe sie noch so vor. Wenn eine Handtasche oder eine Jacke die richtige Struktur vorweisen, dann werden sie „geopfert“, so Carnein. Mittlerweile ist ihr Arbeitspensum allerdings so groß, dass sie Stoffe zukaufen muss. Anne Carneins Arbeiten entstehen aus der Erinnerung. Sie will die Natur nicht 1:1 abbilden oder kopieren, sondern es sind vielmehr Fragen wie „wie funktioniert eine Wurzel“ oder „wie sichtbar ist das Unsichtbare und umgekehrt“, die sie beschäftigen und zum Tun antreiben.

Ihre kleinen Objekte sind eine Hommage an das Stillleben als Memento Mori – klassische Kunstgeschichte also, unter Verwendung zeitgenössischer Material- und Formensprache. In Carneins „hortus conclusus“ im nahen Allgäu entstehen nicht nur metaphorische Pflanzen, sondern es ist in der Tat „das geheime Leben der Pflanzen“, so der Titel eines Katalogtextes über die Künstlerin, dem die Bildhauerin ihre ganze Aufmerksamkeit schenkt. Da Anne Carnein – wie bereits erwähnt – gerne getragene Stoffe für ihre Arbeiten recycelt, sehen wir auch Verschleißspuren und erkennen ganz dezidiert die „Handarbeit“ dieser Künstlerin. Alle Objekte sind sehr zart gearbeitet, sie wirken verletzlich und schön gleichermaßen.

„Während ich arbeite, verschwinden oft die Anfangsideen“, sagte Carnein im Gespräch, denn arbeiten bedeute nicht selten, dass zunächst 200 Blätter genäht werden müssen, bevor die bildhauerische Arbeit an der geplanten Pflanze überhaupt beginnen kann.

Ein grundlegender Faktor im Werk der Künstlerin ist außerdem die Suche nach dem passenden Farbspektrum. Was für den Maler die Palette ist, liegt in Carneins Atelier als Stoff- und Fadenauswahl auf dem Tisch. Erst nach der Entscheidung für die Farbe und Materialität der Stoffe beginnt das Arbeiten am Objekt.

„Die Arbeit entwickelt sich aus dem Augenwinkel“, sagt die Bildhauerin und erklärt, dass sie stets an mehreren Arbeiten parallel forme und nähe, denn sie finde es schön, an vielen Ecken zu arbeiten und außerdem müsse die persönliche Beziehung zu ihren Objekten – wie auch im echten Leben – langsam aufgebaut werden!

Eine ihrer großen Stärken sei es, schnell zu wissen, was sie NICHT wolle, so Anne Carnein. Ja, sie ist eine Frau der klaren und klugen Entscheidung und so wehrt sie sich auch vehement gegen den Vorwurf, weibliche Kunst zu produzieren. Weiblich sei ihre Kunst überhaupt nicht, so Carnein und lässt sich gar nicht auf die Gender-Debatte ein. Denn es gehe ihr um das Modellieren von Formen, um Innovation und Nachhaltigkeit, um Reflexion, Disziplin und Ausdauer.

Aktuell erleben wir alle das eine oder andere Revival und schätzen diejenigen, die nähen, kochen, backen, gärtnern, handwerken usw. können, denn in Zeiten von Corona sind plötzlich andere Schlüsselqualifikationen gefragt. Mein Sohn lebte im Rahmen des internationalen Rotary-Schüleraustauschprogramms ein knappes Jahr in Taiwan und lernte dort in der Schule u.a. nähen. Heute sind wir froh darüber, denn er war es, der uns und seinen Großeltern Atemschutzmasken nähen konnte.

Am Ende meiner Anne Carnein-Atelier-Mitschriebe stehen übrigens folgende Worte der Künstlerin: „Meine Kunstwerke sind verdichtete Zeit, es ist ehrliches Handwerk und alles GEMACHT!“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer einem kurzen Stimmungsbild der Künstlerin vom 17. April 2020, das sich so liest:

„In den ersten Tagen, der real werdenden „Corona-Krise“ war ich ganz schön gelähmt. Jeden Tag wurde etwas Anderes abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Nun, vier Wochen nach dem „Shutdown“, um 2 Einzel- und drei Gruppenausstellungen ärmer, freue ich mich über meine gewonnene Atelierzeit. Ich habe meine Arbeitstische geschliffen und geölt, Garne sortiert und mein Stofflager aufgeräumt…

Alles hat zwei Seiten: keine Ausstellungen zu haben, bedeutet auch gerade nicht an Deadlines, Werklisten oder die Präsentation meiner Objekte zu denken. Aktuell fahre ich vormittags mit meiner Hundedame Lilli ins Atelier, wo ich mich den ganzen Tag meinen Arbeiten widmen kann – was für ein Luxus!“

© Andrea Dreher, April 2020