Alastair Gibson

Wenn Technik, Leidenschaft und Kunst aufeinandertreffen, spätestens dann kommt der britische Künstler Alastair Gibson ins Spiel.

Was bringt eine Galerie aus Ravensburg und einen Künstler aus Großbritannien zusammen? Es war und ist die Leidenschaft für das Besondere und der Mut für das Neue! Unsere Wege haben sich erstmals auf der Art Karlsruhe 2017 gekreuzt, wo sich aus einem ersten Smalltalk schnell ein „echtes“ Gespräch über die Kunst und das Leben und die Leidenschaft entwickelte.
Als wir Alastair erklärten, wo sich unsere Galerie befindet, konnte er sich den Namen unserer Stadt Ravensburg zwar nicht merken, war aber von der Nähe zum Bodensee fasziniert …, weswegen er uns kurzerhand „the Bodensee-girls“ taufte.

Inzwischen kennt er nicht nur den Flughafen in Friedrichshafen, sondern längst unsere Galerie in der Marktstraße, er liebt Leberkäswecken genauso wie frisch gezapftes Bier, stellte mehrfach in unserer Galerie aus, ließ es sich nicht nehmen, an unserem Stand der Art Bodensee in Dornbirn im Sommer 2018 persönlich zur Preview anzureisen, genauso wie er als Gastkünstler zur Eröffnungsausstellung des MAC2-Museums in Singen am 21. Juni 2019 live mit dabei war. Auch waren seine „carbon hearts“ ein echtes Highlight in der Ausstellung „Auf Herz und Nieren“ (Herbst 2019) im Museum Villa Rot in Burgrieden.

In den wenigen Jahren, die wir uns kennen, hatten wir tolle Erlebnisse und konnten spannende Sammlerkontakte aufbauen. Etwas getrübt wurde unsere Euphorie zunächst durch die zähen Brexitverhandlungen, die jetzt leider noch getoppt werden durch die Corona-Pandemie. Alastair Gibson ist ein echter Macher, aber auch ihn hat die Krise im Griff, zumal er seine internationalen Kontakte im Moment kaum ausbauen kann.

Alastair Gibson ist gebürtiger Südafrikaner und lebt heute in Großbritannien. Ihn verbinden zwei Welten, die scheinbar wenig gemeinsam haben: Motorsport und zeitgenössische Kunst. Nach Abschluss seines Ingenieurstudiums arbeitete Gibson über 20 Jahre in der Motorsport-Industrie und leitete 14 Jahre davon als mechanischer Konstruktionsleiter die Rennställe Team Benetton und BAR / Honda. Sein Alltag war geprägt von Anspannung und Nervenkitzel, Stress und Zeitdruck, Jubel und Enttäuschung. Die emotionalen Komponenten spielen im Rennstall-Alltag der Formel 1 bis heute eine zentrale Rolle, so berichtete Gibson einmal im Gespräch, er sei einige Jahre immer der letzte gewesen, der über den Boliden strich, bevor dieser ins Rennen ging.
Sätze wie dieser belegen die Bedeutung und zugleich die uneingeschränkte Faszination des Mannes für das Material, aus dem die Körper der Rennwagen geformt sind und mit dem er als Objektkünstler in der Kunstgeschichte des 21. Jahrhunderts ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Gibson denkt die Idee des „Ready-made“ konsequent weiter, er arbeitet mit einem Material, dessen Verarbeitung an keiner Kunstakademie dieser Welt gelehrt wird. In seiner Arbeit kooperiert er weiterhin hochprofessionell mit den Werkstätten der Rennställe, wenn es z. B. um die Beschaffung von Originalteilen oder die Lackierungen seiner Werke geht, doch all das tut er inzwischen als Künstler.

Heute nutzt Alastair Gibson – weltweit einmalig – sein Knowhow im Umgang mit Carbon, indem er durch die Transformation des Materials in die freie Kunst neue Wahrnehmungsebenen und Interpretationsansätze anstößt. Sehr gezielt verwendet er für seine Objekte auch original Formel 1-Bestandteile und erzeugt durch dieses faszinierende „Upcycling“ eine nahezu magische Dynamisierung des Kunstwerks. Weil in Gibsons Objekten der Spirit der Formel 1 symbolisch weiterlebt, schafft es diese Kunst, Menschen zu erreichen, die sich in der traditionellen Kunstgeschichte bislang nicht oder kaum verortet fühlen.

Vor zwanzig Jahren machte Alastair Gibson seine große Leidenschaft zum Vollzeit-Job und wählte ein Leben als freier Künstler. Sein „favourite“-Material ist Carbon und seine Erfahrung hiermit steht außer Frage.
Welche Arbeits- und Denkprozesse hinter der „Hightech“-Oberfläche der Objekte stecken, erschließt sich nur dem technikaffinen Betrachter, der weiß, wie aufwändig und anspruchsvoll die Arbeit mit Carbon ist. Der kunstaffine Betrachter jedoch ist fasziniert vom Glanz der Oberflächen und von der Ästhetik der Form. So gelingt Alastair Gibsons Kunst der beeindruckende Spagat zwischen der Welt der Kunst und der Welt der Technik. Warum dieser Spagat von Erfolg gekrönt ist, geht auf zwei Faktoren zurück, die gleichzeitig auch das Fundament von Gibsons Kunst bilden: Es sind dies der Faktor Freiheit und der Faktor Unabhängigkeit. Denn es ist Freiheit im Geiste dieses Künstlers, welche ihm die Kraft verleiht, vollkommen neue Pfade einzuschlagen und eigene Visionen umzusetzen. Getragen wird diese Freiheit von der Unabhängigkeit eines künstlerischen Quereinsteigers, der keine -Ismen fürchtet oder verfolgt, sondern voller Selbstvertrauen in sein technisches Können neue Denk- und Sehweisen generiert. Alastair Gibson entwickelt zwar durchaus strategisch, aber auch sehr undogmatisch und auf sympathische Weise unprätentiös seit Jahren seine eigene künstlerische Handschrift, die im Übrigen von großen Emotionen und einem entscheidenden Quäntchen britischen Humors geprägt ist.

Denn der „carbon artist“ Gibson will nicht belehren, sondern begeistern. Dies gelingt ihm in weiter wachsendem Maße. Inzwischen zählen neben den zahlreichen weltweiten Privatsammlern seiner Kunst auch erste Museen, die sich an diese „hybriden Kunstwerke“ heranwagen und sie mit großer Überzeugung präsentieren.

Am Anfang eines jeden Objekts steht im Übrigen die klassische Skulptur. Das bedeutet, dass Gibson eine Form vor Augen hat und diese zunächst als Bildhauer aus dem Holz heraus arbeitet. Schon als Junge in Südafrika präparierte er Fischskelette, die er am Strand fand, und verkaufte diese als „special objects“ an seine Mitschüler. Alastair Gibson ist zeitlebens fasziniert von der Kraft und der Schönheit zahlreicher Fische und Meerestiere. Seine Kunst ist daher auch eine Hommage an die Schönheit der Natur und an das Leben im Ozean.

Wen das Geheimnis der Meere anzieht, der weiß auch um dessen Gefahren. Denn wer ängstlich ist, der meidet das Meer. Je länger und intensiver man sich mit Alastair Gibsons Œuvre auseinandersetzt, desto klarer wird der innere Antrieb dieses Künstlers und desto konsequenter sind seine Inhalte. Die Motivwelten der stromlinienförmigen Fischkörper jener „Helden der Meere“ sind daher unbedingt auch als Metaphern zu verstehen. Wer also eintauchen will in das Werk des Ausnahmekünstlers Alastair Gibson muss sich einem neuen Kosmos öffnen und das Risiko eingehen, die Bodenhaftung zu verlieren.

Zu seinen Käufern sagt Gibson: „When you buy something from an artist you’re buying more than an object. You’re buying hundreds of hours of errors and experimentation. You’re buying years of frustration and moments of pure joy. You’re not buying just one thing, you are buying a piece of heart, a piece of soul … a small piece of someone else’s life.“

Seine jüngste Skulptur ist übrigens ein kleiner Mantarochen im Regenbogendesign, Alastairs künstlerische Antwort auf Corona!

PS: Auf die Frage nach seiner ersten Skulptur erfuhren wir folgendes:
“The first F1 pieces I used were hydraulic fittings from Michael Schumacher’s Benetton 195 car (Chassis number was 195 and it was in 1995). My first sculpture was an aluminium panelled Great White shark made in 1996 and my first carbon fibre sculpture was a piranha made for Rubens Barrichello in 2000.”

© Andrea Dreher, Mai 2020