Silvia Brosig

Die heutige Kunst- und Künstlergeschichte führt uns nach Stuttgart ins Atelier von Silvia Brosig.

Welchen Einfluss üben Ort und Umfeld auf die Entstehung von Kunstwerken aus? Prägt der Blick aus dem Atelier die Kunst, die dort entsteht? Auf diese Frage gibt es vermutlich eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten. Fakt ist, dass zeitgenössische Kunst IMMER auch Zeugnis ablegt von der Zeit, in der sie entsteht. Kunst fällt eben nicht vom kreativen Himmel, denn Künstler*innen reagieren durchaus auf das Zeitgeschehen und sie legen bildnerische Zeugnisse ab und liefern Futter für die Kunstgeschichte(n) der Zukunft.
So wird Silvia Brosig aufgrund ihres Wohnsitzes als „Stuttgarter Künstlerin“ gelistet. Das stimmt natürlich, aber wahr ist auch, dass sie 1984 in Ravensburg geboren wurde, in Friedrichshafen ihr Abitur gemacht hat, dass in Meersburg ihre Mappenvorbereitung für die erfolgreiche Aufnahme an der Akademie in Stuttgart erfolgte, dass Silvia sich zweimal auf Weltreise begab, ein Semester in Helsinki studierte, und dass sie gefühlt immer auf Achse ist. Die Kosmopolitin Brosig hat also entsprechende Mittel und Wege gesucht und gefunden, um auch in Zügen und Bahnhöfen, auf Schiffen und abgelegenen Inseln künstlerisch zu arbeiten. Denn in Brosigs Leben bilden Kunst und Leben eine Einheit, das Eine geht kaum ohne das Andere. So schrieb sie mir z.B. im Juni letzten Jahres „sitze gerade an der Schneidemaschine und bereite Papier für Georgien vor“. Sie begab sich – wie so oft – als Privatperson und Künstlerin auf eine Reise in ein Land ihrer Sehnsucht.
Die Kunst der Weltenbummlerin Silvia Brosig entsteht aus einem immensen Freiheitsdrang heraus und diesen strahlt sie auch aus. Wir haben uns vor einigen Jahren kennengelernt, als Silvia gerade ihren Aufbaustudiengang „Intermediales Gestalten“ in Stuttgart absolviert hatte und war dabei, sich von der Malerei zu lösen, um mit ersten Faltungen an die Öffentlichkeit zu treten.
Vielleicht waren es die vielen Ortswechsel, die Brosig zwangen, ihre Eindrücke zu sortieren und in Kategorien einzuteilen. Früher, so die Künstlerin im Gespräch, habe sie nie geordnet. Heute aber ist sie derart konzentriert, diszipliniert und präzise und sagt Sätze wie „ich mag Systeme“.
Doch wie sehen sie aus, diese Systeme und Kategorien der Silvia Brosig, welche das gedankliche Cross-Over liebt und lebt? Als wir uns vor zwei Jahren zu einer Vorbesprechung für eine Ausstellung trafen, war der Ort weder ihr Atelier noch mein Büro, sondern unser Treffen fand an einem vollkommen kunstfernen Raum statt, einem Burger-Restaurant am Ravensburger Bahnhof. Als wir uns nach ca. zwei Stunden trennten und Silvia Brosig ihren Laptop in den Rucksack und ihre Faltungen (denn während wir redeten, arbeitete sie unentwegt an ihren japanischen Papieren) wieder in Schachteln verpackt hatte, stieg sie in den Zug Richtung Bodensee, um weitere Papiere zu falten, während es mich zunächst an mein Bücherregal zog, wo ich Francesco Petrarca „Die Besteigung des Mont Ventoux“ suchte und darin zu lesen begann. Dieser Text datiert auf den 26. April 1336 und markiert einen Wendepunkt im Leben des italienischen Dichters, dessen neue ästhetische Betrachtung der Natur Literaturgeschichte schrieb. Ergriffen von der Schönheit des Berges beschrieb Petrarca seinen Zustand mit „stupenti similis steti“ (stand ich einem Betäubten gleich), was bedeutet, dass das physische Erlebnis des Dichters zum Sinnbild des spirituellen wurde.
Doch zurück zu Brosig. Ihre Kunst schafft es, eine Sehnsucht und zugleich das Bedürfnis einer neuen geistigen Verortung in uns auszulösen, welche der Alltag nicht stillen kann. Brosigs Kunst habe ich daher einmal als „phänomenologische Kunst“ bezeichnet. „to phainomenon“ heißt im Griechischen „Erscheinung, sichtbarer Vorgang und sinnliche Wahrnehmung“. Denn es ist stets die Erscheinung einer Form, die für Brosig den Auslöser für die Entstehung eines Kunstwerks gibt. Und wenn sie arbeitet, dann tut sie das phasenweise bis zum Exzess, vergisst zu essen, zu trinken und zu schlafen, und stürzt sich in einen „Schaffensrausch“, der sie bis an die körperliche Schmerzgrenze führt.
Sie sei übrigens ein großer Josef Albers-Fan, sagte mir Brosig in einem ihrer Nebensätze, auch Goethes Farbtheorien habe sie intensiv studiert, klingt in einem weiteren Nebensatz an. Silvia Brosig ist eine Künstlerin, die tut, was sie weiß!
Ihr Œuvre bestand in den letzten Jahren aus den drei Hauptgruppen Gebirge, Faltung, Dreieck, die zunächst wie drei verschiedene Gattungen auftraten, aber bei näherer Betrachtung eng miteinander verzahnt waren.
Ihr Hauptaugenmerk lag anfangs auf der Malerei. Auf der Suche nach einem dreidimensionalen Modell für ihre Serie der atmosphärischen Flugobjekte griff Silvia Brosig zum ersten Mal zum Papier, faltete ein „Himmel und Hölle“ – Fingerspiel, fuhr damit fort und fügte die einzelnen Faltungen so zusammen, so dass ein ideales 3 D-Modell für ihre Malerei entstand. Außerdem hielten die Hochhäuser Helsinkis, das „mystische“ Licht des Nordens und die große Einsamkeit außerhalb der finnischen Städte Einzug in das Werk der Malerin, deren Bildern und Objekten stets eine atmosphärische Grundspannung zugrunde liegt, die sich klaren Zuordnungen entzieht.
Wie durchlebt und erlebt ein Mensch wie Silvia Brosig diese Phase der Kontaktsperre, habe ich mich in den letzten Wochen gefragt. Die Antwort kam prompt aus Stuttgart und sie liest sich weder resigniert noch frustriert, sondern so:

Kreise in der Krise
Da ich noch bevor in Stuttgart alles zum kompletten Stillstand kam in Tirol war, befinde ich mich nun schon etwas länger im heimischen Isolationsatelier und empfinde inzwischen fast schon so etwas wie einen Quarantänealltag. Versinke ich in der Arbeit, fühlen sich jene Tage an wie jede konzentrierte und intensive Phase kurz vor einer Ausstellung. Denn auch dann fahre ich meine sozialen Kontakte in der Regel auf ein Minimum herunter, gehe nur noch zum Einkaufen und Spazieren aus dem Haus und bin manchmal sogar erstaunt, dass es zwischen meinen wenigen Unternehmungen nach draußen mal wieder ein paar Minuten länger oder kürzer hell zu sein scheint.
Schaue ich jetzt jedoch vom Falten an dem extrem kleinteiligen Papierobjekt, an dem ich gerade arbeite auf, um meinen Augen durch den weiten Blick aus dem Fenster eine kurze Verschnaufpause vom ständigen Millimeterfokus zu gönnen, so erinnert mich die menschenleere Straße immer wieder doch daran, in welch eigenartigen Zeiten wir uns gerade befinden. Surreal endzeitmäßig fühlt es sich an, wenn der allabendliche Fensterapplaus meiner Nachbarschaft daran erinnert, dass es mal wieder 21:00 Uhr an irgendeinem Wochentag im Frühling des Jahres 2020 in Zeiten des Coronavirus ist.
Auf meinen Wanderungen durch Stuttgarts plötzlich sehr stille Straßen fällt mir auf, dass vor den Türen häufiger als sonst in „zu verschenken Kisten“, einstige Habseligkeiten darauf warten, neue Besitzer zu finden. Es scheint, als würden die vielen Menschen, die jetzt zuhause bleiben müssen die Zeit des Stillstands nutzen, um Dinge zu tun, zu denen sie sonst nie kommen. Zum (Aus)sortieren zum Beispiel.
Vom Rückbesinnen auf alte Tugenden und von der Inventur des häuslichen Bestands erzählen mir auch Freunde und Familie beim gelegentlichen virtuellen Weintrinken auf „Zoom“ oder „Skype“. Beim Reaktivieren meines längst gelöschten und totgeglaubten Skypeprofils ist mir aufgefallen, dass mein Profilbild noch meiner Zeit in Helsinki entstammt, ironischerweise aber recht „aktuell“ wirkt. Um mich vor der arktischen Kälte zu schützen, ist mein Gesicht auf jenem Foto fast vollständig verdeckt von einem dicken Schal. Generell musste ich in den letzten Wochen häufig an meinen Aufenthalt in Helsinki zurückdenken. Und das nicht nur weil ich auch dort mehr Zeit als sonst im Atelier verbracht habe. Auch der finnische Winter mit seinen unwirtlichen Temperaturen führt zu einem zuweilen recht surrealen Stadtbild, das mich damals künstlerisch sehr geprägt hat.
Doch zurück in die Gegenwart.
Wie offenbar viele meiner Mitmenschen, habe auch ich die erste Zeit des „Lockdowns“ genutzt, um mein Atelier zunächst einer größeren Inventur zu unterziehen, um mal wieder alles an Material zu sichten und zu ordnen, habe jeden Papierschnipsel in die passende Box sortiert, meine Nagellacke komplett neu durchnummeriert, alle Stifte gespitzt und der Farbe und Größe nach geordnet.
Dieser Prozess des Ordens und Sortierens erweist sich für mich von jeher schon als sehr inspirierend für meine künstlerische Arbeit und steht oft am Anfang einer neuen Schaffensperiode. Während der Bestandsaufnahme meiner inzwischen recht umfangreichen Papiersammlung und vor allem beim Versuch, für die vielen bereits vorgefalteten und zugeschnittenen Module ein passendes Lagerungssystem zu finden, stecke ich meist schon mitten in einem neuen Arbeitsprozess. Durch das Neuanordnen ergeben sich plötzlich neue Bezüge von einzelnen Fragmenten oder Werken zueinander, bereits verworfene Ideen profitieren nun doch noch von der Zeit des Ruhens und beinahe vergessene Skizzen wandern (zurück) an mein Moodboard.
So beispielsweise der Kreis als Ausgangspunkt für eine neue Werkgruppe an Papierobjekten. Diesen künstlerisch zu befragen und zu erforschen, hat mich schon sehr lange gereizt und erscheint mir jetzt gerade interessanter denn je. Und so sammeln sich auf meinem Schreibtisch bereits mehrere tausend kleine, frisch ausgestanzte Kreise zu einem neuen Werk.
Außerdem steht auf meiner künstlerischen „To-Do-Liste“ schon sehr lange das Konzept und Layout eines „Unikat“-Bildbandes, den ich in einer Miniedition drucken und binden lassen möchte. Dabei werden die „tatsächlichen“ Papiere, aus denen meine Werke normalerweise entstehen, miteinbezogen und so bearbeitet, dass jeweilige Bildband zu einem eigenständigen Werk wird, das der Betrachter beim Blättern selbst erfahren kann.
An diesem Konzept arbeite ich nun parallel analog und digital und hoffe, dass ich es nach dem Ende dieser verrückten Zeit der Buchbinderei meines Vertrauens übergeben kann.
(Text von Silvia Brosig, 6. April 2020)

Silvia Brosigs Worte machen Mut und sie zeugen von der unbändigen Energie einer Frau, die keineswegs aufgibt oder aufschiebt, sondern dank Corona sogar eine neue Werkgruppe der „Kreisformen“ eröffnet, deren erste Ergebnisse sehr verheißungsvoll sind und Lust auf mehr machen.
Mit dem Vers „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide!“, endet Johann Wolfgang von Goethes Gedicht „Mignon“. Es ist die Sehnsucht nach Gerüchen und Orten und vielem mehr, die in diesen „Corona-Zeiten“ viele von uns emotional verbindet. Die Sucht, etwas inständig herbeizusehnen, kann richtig wehtun und sie ist nur schwer zu kompensieren. Auch die Kunst ist nicht in der Lage, eine Reise zu ersetzen, aber Kunst kann unsere Sinne und Gedanken positiv stimulieren. Versuchen Sie es z.B. mit einem Werk von Silvia Brosig, es könnte klappen!

© Andrea Dreher, April 2020