Barbara Reck-Irmler

Die heutige Kunst- und Künstlergeschichte führt uns nach Oberschwaben, ins Atelier von Barbara Reck-Irmler, die ihre Berufung zum Beruf machte und damit sehr gut gefahren ist.

Wir erinnern uns vermutlich alle an den Moment, als wir uns für einen beruflichen Weg entscheiden mussten, um nach Ausbildung oder Studium möglichst gut und erfolgreich im Job zu werden und diesen im Idealfall bis zur Rente durchzuziehen. Unsere Elternhäuser waren nicht immer unbeteiligt an unserer Wahl. So führt z.B. der Wunsch, Künstler*in zu werden (und davon leben zu wollen und zu müssen!) bei vielen Familien bis heute zu heftigen Diskussionen und versetzt so manche Eltern in eine einstweilige Schockstarre (bei der Berufswahl Kunstgeschichte ist das im Übrigen auch nicht viel besser).

Wie die Verhältnisse bei Barbara Reck damals waren, weiß ich ehrlich gesagt nicht, auf alle Fälle hat sie sich als Kind und Jugendliche sehr für Handarbeit interessiert und mit Leidenschaft gehäkelt und gestrickt. Sie sei mit einer großen Liebe zu Textilien geboren, sagt die bekennende Oberschwäbin rückblickend. Doch ihr „vernünftiger“ Weg führte sie zunächst an die Universität nach Stuttgart, wo sie Germanistik und Politikwissenschaft studierte, um im Anschluss 25 Jahre als erfolgreiche Werbetexterin zu arbeiten. Zusammen mit ihrem Mann Wolfgang bildete Barbara Reck-Irmler ein geniales Freiberufler-Team (das gilt bis heute!). Beide lebten und arbeiteten zielorientiert und erfolgreich in ihrem Aulendorfer Home-Office und zogen gemeinsam und mit Freude ihre drei Kinder groß.

Aber irgendwann kam der Moment der Berufung, als Barbara Reck-Irmler beschloss, ihren Kindheitstraum zum Beruf zu machen und sich schließlich 2014 entschied, ihre zweite Lebenshälfte als freie Künstlerin zu bestreiten. Der Unterstützung ihres Mannes und ihrer Familie konnte sie sich sicher sein, aber dennoch war das Risiko zu scheitern einigermaßen groß. Wir kennen vermutlich alle den einen oder die eine autodidaktische Künstler*in, die sich finanziell mehr schlecht als recht durchschlagen und die oft vergebens auf den persönlichen Durchbruch im Haifischbecken der Kunst warten.

Nicht so Barbara Reck-Irmler. Warten musste sie überhaupt nicht. Sie hatte absolut aufs richtige Pferd gesetzt, denn sehr schnell begeisterte die Textilkunst dieser (noch) unbekannten Deutschen sogar ein interessiertes Publikum auf Messen in Japan und in den USA. Natürlich fanden sich auch in Süddeutschland bald erste Käufer und Sammler. Die Konzept- und Textilkünstlerin scheint mit ihrer Kunst den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Auch wir waren sofort überzeugt von diesem beeindruckenden Crossover von Kunst und Design. Schon im Sommer 2017 zeigten wir in unserer frisch eröffneten Galerie 21.06 erste Arbeiten von Barbara Reck-Irmler, so z.B. das legendäre LUXUSPROBLEM, aber auch kreisrunde, gehäkelte Wollknäuel als abstrakte Wandinstallationen.

Ich erinnere mich noch gut an das erste Telefonat mit der Aulendorferin, die mir von einer guten Bekannten als „Geheimtipp“ empfohlen wurde. Nach einem kurzen verbalen Herantasten führten Barbara Reck-Irmler und ich ein ausgesprochen herzliches Telefonat, sprachen dabei breitestes Schwäbisch und fühlten uns pudelwohl dabei! Wenige Tage später stand sie in der Galerie und brachte uns erste Originale. Seither konnte unsere Galerie mit ihr ein paar tolle gemeinsame Projekte umsetzen und wir stehen in einem sehr guten Dialog.

Das Material von Barbara Reck-Irmlers abstrakten Wandcollagen und von ihren Text-Objekten ist recyceltes Textilgarn. Zunächst aus Überschüssen europäischer Textilhersteller in Ballen nach Portugal verschickt, werden diese „Wuste“ dort von portugiesischen Frauen in Heimarbeit sortiert, gereinigt und auf Spulen gewickelt.

Am Anfang dieser Kunst steht immer die Konzeption, d.h. erst entwickelt die Künstlerin ihre Wort-Bild-Idee, dann folgt die Umsetzung in Handskizzen und danach reift die typographische Setzung am Computer, denn Reck-Irmlers Objekt-Kunst wird immer erst im Kontext stark und umgekehrt. Erst wenn Idee und Konzept stehen, beginnt der manuelle Teil, also die Handarbeit. So häkelt die Künstlerin im Anschluss tage- und stundenlang von Hand ihre Wortbilder oder wickelt recyceltes Stoffgarn auf Holztafeln zu Wandobjekten und trifft mit diesem Werkstoff und ihrem ganz persönlichen künstlerischen Selbstverständnis von „Upcycling“ den Nagel auf den Kopf. Außerdem erhebt Barbara Reck-Irmler den Anspruch, uns mit ihrer Kunst nicht nur visuell zu berühren, sondern sie will ihre Textilobjekte auch als haptische Kunstwerke verstanden wissen, die uns anregen, aufregen, wachkitzeln, miteinander ins Gespräch bringen und die nebenbei auch noch ästhetisch schön sind und zudem die Raumakustik nachweislich verbessern!

In ihren Wortspielen liebt die Künstlerin durchaus die sanfte Provokation, die allein schon durch die Typographie und die Buchstabentrennung angeregt wird. In den freien Arbeiten steht das Spiel von Form und Farbe im Mittelpunkt, hier ist weniger mehr.

Wer Barbara Reck-Irmler kennt, weiß, dass sie über einen hellwachen Geist verfügt und dass ihr künstlerisches Selbstverständnis unbedingt auf ihrer Vorstellung von gelebter Demokratie basiert. Sie will sich als Künstlerin und Frau gesellschaftlich engagieren und so häkelt sie ihre diversen Statements für Wände in Privaträumen genauso wie für Treppenhäuser oder Besprechungsräume in Bürogebäuden.

Ihre Themen findet die Konzeptkünstlerin in den Medien und / oder in der eigenen Biographie, denn sie nimmt gerne alles kritisch unter die Lupe und beschreibt dies in ihren eigenen Worten folgendermaßen:

„In der typografischen Bearbeitung dieser „Keywords” vollzieht sich für mich eine Transformation, die im Umhäkeln mit Textilgarn ihren sinnlichen Höhepunkt findet. Als Katalysator erweist sich dabei das Material, das ich aus dem Kontext der Textilherstellung herauslöse und mit neuer Bedeutung auflade. Während ich in meinem ersten Leben als Werbetexterin eine extreme „Vielschreiberin” sein musste, vollzieht sich in der Kunst nun die Gegenbewegung: die Verdichtung. Themen, Wunden, Ängste werden so lange durchdacht, konzentriert, verdichtet und nochmals nachverdichtet, bis am Ende genau ein Wort steht – und das wird dann typografisch bearbeitet und schließlich umhäkelt.“

Barbara Reck-Irmler ist im Übrigen auch immer offen für Anregungen oder sogar für Aufträge, sofern die Geschichte eine ehrliche ist …Wie ehrlich sind die vielen Zahlen, Statistiken, Tabellen und Berichterstattungen in diesen Corona-Zeiten? Wie ehrlich gehen wir in Krisenzeiten miteinander um? Was ist dran an dem Sprichwort „ehrlich währt am längsten“?

Kann Kunst ehrlich sein, bzw. was stellen wir uns unter ehrlicher Kunst vor? Diese Frage scheint viele Antworten loszutreten. Eine davon könnte uns nach Aulendorf führen, zur Kunst von Barbara Reck-Irmler!

© Andrea Dreher, April 2020