Richard Schur

Die heutige Kunst- und Künstlergeschichte führt uns in die bayerische Landeshauptstadt, zu Richard Schur.

„Jedes meiner Bilder entsteht durch vielfältige Impulse: Erinnerungen an Schönheit, an Klänge und Stimmungen, an Architektur und Landschaft. Es sind Bilder meiner individuellen Imagination als Maler, aber zugleich bin ich Teil eines sozialen Organismus – wie wir alle. In diesem Sinne sind meine Bilder auch Metaphern: in Farbe, Form und Struktur übersetzte gesellschaftliche Gebilde“. Dieses kurze Statement stammt von Richard Schur, einem Münchener Maler, dem dieses Porträt gewidmet sein soll.

Als Maler verstanden zu werden, ist dem gebürtigen Münchener übrigens sehr wichtig, was wiederum bedeutet, dass Begriffe wie Duktus, Textur und Haptik in diesen oft sehr stylish wirkenden Kunstwerken eine tragende Rolle spielen (müssen). Genau dieser konservativ-malerische Anspruch ist es vermutlich auch, warum diese Kunst nicht an Kraft verliert, sondern im Gegenteil noch nach Jahrzehnten ihre Raumpräsenz souverän verteidigt. Ein Schur-Sammler und Kunde unserer Galerie lebt seit 16 Jahren mit einem Großformat des Malers und er erzählte jüngst mit einem Strahlen im Gesicht, dass er nach wie vor jeden Morgen mit seinen Blicken über die Leinwand wandert und dass dieses Schauen nach wie vor neue Gedanken und Stimmungen in ihm auslöse.

Wer sich mit dem Künstler Schur über seine Kunst unterhält, hat es mit einem „very charming artist“ zu tun. Ja, Richard Schur versteht es gut, Menschen für sich zu gewinnen, die Gespräche auf Vernissagen sind ihm nicht lästig, sondern er liebt diese Bühne. Nach seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste München arbeitete er von 2002 bis 2008 als künstlerischer Assistent am Lehrstuhl von Prof. Jerry Zerniuk, dessen Meisterschüler er war.

Als Schur sich in den Nuller-Jahren als „Abstrakter“ behauptete, bildete er eher eine Ausnahme als ein junger Maler, der selbstbewusst seinen eigenen Weg einschlug und sich nicht vom großen Trend der Figuration beeinflussen ließ. Heute, so Richard Schur, gebe es wieder mehrere Vertreter der abstrakten Malerei, doch seine Malerei sei längst etabliert und in zahlreichen nationalen und internationalen Sammlungen vertreten.
Er stellte tatsächlich früh und weltweit aus: Regelmäßig in New York, zuletzt 2017, in Spanien, aber auch in Ravensburg, wo Arbeiten 2011 und davor 2008 im Kunstverein zu sehen waren. Nicht zu vergessen sind Förderstipendien und Preise, darunter 2014 ein Aufenthalt in New York und 2004 der Bayerische Kunstförderpreis des Staatsministeriums für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst. So hängt beispielsweise auch ein Werk Schurs beim CEO eines großen Unternehmens in dessen Stadthaus in Manhattan. Erst im Sommer 2019 platzierte die New Yorker Ausgabe des Magazins luxe. interiors+design ein Motiv des Münchener Malers aufs Titelblatt. Das macht ihn und uns, die wir ihn kennen und begleiten, natürlich stolz. Für Richard Schur ist jeder Ankauf aber auch immer eine neue Herausforderung, in der Qualität nicht nachzulassen und das Werk konsequent weiter zu entwickeln, was ihm auf alle Fälle gelingt.

So begann er beispielsweise vor ca. drei Jahren mit seiner Serie der „spatial objects“. In diesen Wandobjekten wagt er die Erweiterung des malerischen Raums in den realen Raum, worin er seine Vorstellung vom „offenen Bild“ konsequent weiter entwickelt.
Auch ist es dem Künstler ein großes Anliegen, das Quadrat künstlerisch immer wieder neu zu verhandeln. Was passiert, wenn Quadrat und Objekt im Werk Schurs aufeinandertreffen, beschäftigte auch den Ulmer Kunsthistoriker und Leiter des HfG-Archivs Dr. Martin Mäntele, der in unserer Galerie im Frühjahr 2018 eine Rede hielt, aus der ich gerne folgenden Absatz zitieren möchte:

„Im Gegensatz zu einem Grafikprogramm in unserem PC, arbeitet Richard Schur eben nicht digital, sondern analog. Die als Spatial Object bezeichneten Werke sind dafür prägnante Beispiele. Zwar ist im Titel nur ein Objekt erwähnt, doch sehen wir drei sich unterscheidende Formen. Als Ganzes bilden sie eine neue Großform. […] Mir scheint fast, als würde sich der Maler hier auch des Stilmittels der Ironie bedienen, denn das kleine mittlere Bild bildet mit seinem Schwarz-Weiß nicht nur ein konzentriertes Zentrum der Gesamtkomposition, sondern zitiert auch das berühmte „Schwarze Quadrat auf weißem Grund“, also ein Gemälde von 1915 mit dem Kasimir Malevich einen bedeutenden Schritt in der Geschichte der Malerei vollzog: nämlich die völlige Ablösung vom Gegenstand bei maximaler Reduzierung der bildnerischen Mittel.
Lassen Sie mich dazu rasch den Maler Malewitsch selbst zitieren:
„Erst, wenn die Gewohnheit und das Bewusstsein verschwunden sein werden, in Bildern, die Darstellung kleiner Ecken der Natur, Madonnen oder Venusdarstellungen zu sehen, werden wir das malerische Werk erkennen […]https://de.wikipedia.org/wiki/Kasimir_Sewerinowitsch_Malewitsch – cite_note-30“
KASIMIR MALEWITSCH, ZUR AUSSTELLUNG „0,10“, 1915
Einer der ironischen Aspekte ist, dass das Original von Malewitsch, heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau, circa 80 auf 80 cm misst, das Spatial Object von Richard Schur um einiges kleiner ist.
Und bei näherer Betrachtung fällt auf: Auf dem weißen Grund sitzt nicht nur ein schwarzes Quadrat, sondern in diesem selbst sitzt ein sehr, sehr dunkelblaues Zitat, womit Richard Schur eventuell auch auf die nicht minder berühmte Serie von Josef Albers anspielt, die den Titel trägt: Hommage to the Square, auf Deutsch: Huldigung an das Quadrat.“

Wer, wie Richard Schur, den Großen seiner Zunft huldigt ohne diese platt zu kopieren, ist ein echter Meister seines Fachs. Er selbst findet hierfür diese wunderbaren Worte: „Ich bin Dichter, Komponist und ein Sohn alter Meister. Mich interessiert die emotionale Direktheit des Expressionismus, die Klarheit des Hard-Edge und die Präzision der Renaissance-Maler. In einem langen, intuitiven und systematischen Prozess reflektiere ich die Bedeutung jeder einzelnen Setzung, jedes Pinselstrichs: jedes Detail hat seine Bedeutung und seinen Platz im Ganzen.“
Warum sollte er (man) seine Vorbilder verschweigen, viel ehrlicher ist es doch, das eigene Werke ständig zu hinterfragen und dabei die Messlatte nicht dem manchmal ungerechten Kunstmarkt, sondern konsequent den eigenen Ansprüchen anzupassen. Apropos Markt. Richard Schur kennt nicht nur den Kunst-, sondern auch den Aktien- und Uhrenmarkt und er ist sich durchaus bewusst, dass sein Künstlerleben immer auch von Angebot und Nachfrage beherrscht wird. Daher geht er auch in Krisenzeiten oder in der aktuellen Corona-Lockdown-Phase strategisch klug vor und arbeitet an Studien, die in „fetten Jahren“ dann wieder zu mittleren oder großen Formaten heranwachsen können.

In den Worten des Künstlers liest sich das übrigens so: „Weil der Markt eh stillsteht, konnte ich mich endlich mal wieder schön langsam und fast tagträumerisch auf den Malprozess mit den Studien konzentrieren. Macht richtig Spaß …“ (E-Mail vom 25.4.2020)

In diesen Kleinformaten erkennen wir noch sehr gut den Weg zum Bild, wir entdecken Übermalungen und Überlagerungen von Linie und Form, d.h. wir werden Zeugen sichtbarer Bildkorrekturen. Wem die Kunst des Münchener gefällt und wer sie sammeln möchte, sollte am besten beides besitzen: Studie und Bild, denn so kommt man dieser Malerei besonders nahe.

© Andrea Dreher, Mai 2020